Deutsche Datentradition - Zahlen vs. Grafiken

Shownotes

Deutsche Datentradition - Zahlen vs. Grafiken
Executive Summary
Die deutsche Datenkultur ist tief in einer Präferenz für präzise, tabellarische Zahlendarstellungen verwurzelt, die durch jahrhundertealte kaufmännische Traditionen und einen strengen rechtlichen Rahmen, insbesondere die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung (GoB) und GoBD, geformt wurde. Diese Kultur legt höchsten Wert auf Nachvollziehbarkeit, Unveränderbarkeit und Genauigkeit, wobei Tabellen als die "einzige rechtssichere „Quelle der Wahrheit“" (Tab 1, S. 2) gelten. Grafische Visualisierungen werden oft als sekundär oder potenziell irreführend angesehen.

Diese Tradition steht im Kontrast zu den Anforderungen moderner Business Intelligence (BI) und Datenvisualisierung, die auf explorative Analyse und schnelle Erkenntnisgewinnung abzielen. Dies führt zu einer "signifikanten Adoptionslücke" (Tab 1, S. 2) in deutschen Unternehmen, insbesondere im Mittelstand und in der öffentlichen Verwaltung. Die größten Hindernisse sind dabei "nicht technologischer, sondern organisatorischer und kultureller Natur" (Tab 1, S. 2), darunter mangelnde Datenkompetenz, fehlende strategische Führung und kultureller Widerstand.

Die Zukunft erfordert einen hybriden Ansatz: Beibehaltung tabellarischer Systeme als "Systeme der Aufzeichnung" für rechtlich relevante Daten und Aufbau explorativer "Systeme der Erkenntnis" für strategische Einblicke. Der Erfolg hängt von der Förderung einer umfassenden Datenkompetenz und einer klaren Data Governance ab, um Agilität auf dem Fundament deutscher Gründlichkeit zu ermöglichen.

Transkript anzeigen

00:00:00: Willkommen zu unserem "Deep Dive".

00:00:01: Ja, du hast dich bestimmt auch schon mal gewundert, oder?

00:00:04: Man schaut in deutsche Berichte und sieht Zahlen, Tabellen,

00:00:08: endlose Kolonnen, Grafiken, oft eher so nahe am Rande.

00:00:14: Ist das einfach nur Gewohnheit oder steht da mehr dahinter?

00:00:18: Wir haben uns mal die Quellen zur deutschen Datenkultur angeschaut.

00:00:22: Genau. Und unsere Mission heute.

00:00:24: Mal wirklich zu verstehen, warum diese

00:00:26: Tabellenliebe so stark ist, rechtlich, historisch, sogar wie unser Gehirn tickt.

00:00:31: Und wie passt das zur modernen Datenvisualisierung?

00:00:34: Ja, das ist ein super spannendes Thema.

00:00:37: Und der Kern ist eigentlich diese Vorliebe für Tabellen.

00:00:40: Das ist nicht nur Geschmackssache, das ist wirklich tief drin in unserer Kultur.

00:00:46: So eine Art Gebot der Präzision der Nüchternheit.

00:00:49: Nüchternheit, OK.

00:00:50: Gerade in so Kernbranchen, Denk an Maschinenbau, Finanzen.

00:00:55: Da gilt die Zahl oft als die reinste Form der Wahrheit, unverfälscht.

00:01:00: Eine Grafik, die ist schnell mal eine Interpretation.

00:01:03: Potenziell irreführend, vielleicht sogar manipulativ, so die Befürchtung.

00:01:08: Aber du sagtest, das hat auch rechtliche Gründe.

00:01:11: Wie kann denn ein Gesetz quasi Tabellen bevorzügen?

00:01:15: Das klingt erst mal komisch.

00:01:16: Naja, es steht nicht drin, du musst Tabellen nehmen,

00:01:19: aber die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung, die GOP und vor allem die GOBD.

00:01:24: Ah, die GOBD, klar.

00:01:25: Genau, die fordern halt knallhart bestimmte Dinge.

00:01:28: Nachvollziehbarkeit, Richtigkeit, Vollständigkeit, Unveränderbarkeit.

00:01:32: So und eine Tabelle, die spiegelt oft sehr direkt die Buchungsdaten wieder.

00:01:37: Dieses Prinzip, keine Buchung ohne Beleg.

00:01:40: Das siehst du in der Tabelle quasi.

00:01:42: Jetzt stell dir mal einen Prüfer vor, der sieht einen bunten Punkt in einem Diagramm.

00:01:46: Ja, wo kommt er her?

00:01:47: Eben, woher genau kommt dieser Wert?

00:01:50: Welche Buchungen stecken dahinter?

00:01:53: Bei einer Tabelle kann ich das auf Zeile für Zeile nachvollziehen.

00:01:56: Beim Diagramm muss ich erst graben.

00:01:58: Das widerspricht so ein bisschen diesem Geist der direkten lückenlosen Prüfung.

00:02:03: Verstehe, die Tabelle ist also sozusagen

00:02:07: rechtssicherer, die Quelle der Wahrheit für den Prüfer.

00:02:11: Ganz genau, oft ist sie das in der Praxis.

00:02:13: Die GOBD schaffen also einen Rahmen, in dem tabularische Darstellungen oft einfacher,

00:02:19: praktischer und sicherer erscheinen.

00:02:21: OK, das macht Sinn.

00:02:23: Und das ist ja sicher nicht erst seit den GOBDs so, oder?

00:02:26: Du hattest was von historischen Wurzeln gesagt.

00:02:28: Absolut, das geht weit zurück.

00:02:31: Denk mal an die Ausbildung des ehrbaren Kaufmanns.

00:02:34: Das ist ja eine jahrhundertealte Tradition.

00:02:36: Stimmt. Was waren da die Kernfächer?

00:02:38: Kaufmännische Arithmetic, Buchhaltung, Konturwissenschaft, also Büroorganisation.

00:02:44: Es ging immer um Präzision, um Ordnung, um das Denken in Zahlen.

00:02:49: Das war quasi das Handwerkszeug.

00:02:51: Genau, die doppelte Buchführung, das war das Werkzeug zur rationalen Kontrolle.

00:02:57: Und dieses Vertrauen in die Zahl, in die geordnete Tabelle,

00:03:01: das wurde über Generationen gelehrt und weitergegeben.

00:03:05: Das ist tief drin.

00:03:06: Wow, OK, also kulturell, historisch gesetzlich, fast wie so eine kaufmännische DNA.

00:03:11: Aber beeinflusst das denn auch, wie wir Informationen,

00:03:14: ja, wie unser Gehirn damit umgeht, gibt es da auch eine kognitive Seite?

00:03:17: Ja, total spannend.

00:03:19: Die Forschung stützt das nämlich.

00:03:21: Also, Grafiken sind super, keine Frage.

00:03:24: Um schnell Muster zu sehen, Trends, Ausreißer, das große Bild.

00:03:28: Auf einen Blick.

00:03:29: Genau, aber wenn es darum geht, wirklich exakte Werte abzulesen oder komplexe

00:03:34: Verhältnisse detailliert zu vergleichen, denk an so eine Bilanzanalyse.

00:03:39: Oder soll ist Vergleiche im Controlling?

00:03:42: Ja, wo es auf die Nachkommestelle ankommt.

00:03:44: Exakt, da sind Tabellen oft überlegen.

00:03:48: Es gibt Studien, die zeigen, Menschen machen bei solchen Präzisionsaufgaben

00:03:52: mit Tabellen weniger Fehler.

00:03:54: Unser Gehirn ist für diese Art von Detailarbeit mit Zahlenreihen einfach

00:03:58: gut gewappnet, sozusagen.

00:04:00: OK, krass, also eine echt starke Tradition.

00:04:02: gestützt durch Gesetze und sogar durch die Art wie unser Gehirn Details verarbeitet.

00:04:07: Aber jetzt kommt das große Aber. Wir leben ja in Zeitalter von Big Data, von Business Intelligence,

00:04:13: BI, von coolen Visualisierungstools. Ja, genau. Die ja eigentlich das Gegenteil versprechen.

00:04:19: Schnelle Einsichten, Überblick statt Detailwüste. Wie passt das denn zusammen? Das muss doch knirschen,

00:04:24: oder? Und ob das knirscht, das ist genau der Konflikt, den wir gerade erleben. Die traditionellen

00:04:30: Methoden, die Tabellenwelt, die ist meist retrospektiv, also die Vergangenheit sauber dokumentieren.

00:04:37: Rückblickend. Richtig. Aber die neuen BI-Ansätze, die sind prospektiv, die wollen nach Vorleschauen,

00:04:45: die sind explorativ, wollen Einblicke für die Zukunft finden, versteckte Muster aufdecken.

00:04:52: Mehr Agilität, schnellere Entscheidungen. Das ist das Versprechen. Aber gerade im deutschen

00:04:57: Mittelstand, auch im öffentlichen Sektor, da sehen wir oft noch eine ziemliche Lücke. Die Tools werden

00:05:03: nicht so genutzt, wie sie könnten. Woran liegt das denn? Ist die Technologie zu kompliziert, zu teuer?

00:05:09: Weniger die Technologie an sich, die ist oft da. Die Hürden liegen tiefer, oft im menschlichen

00:05:16: und organisatorischen. Also es fehlt oft an Datenkompetenz. Leute, die mit den Daten und den

00:05:25: Tools wirklich umgehen können. Fachkräfte sind Mangelware. Dann fehlt es oft an der strategischen

00:05:31: Verankerung ganz oben. Wie viele Firmen haben denn wirklich einen Chief Data Officer, der das Thema treibt?

00:05:38: Stimmt eher weniger. Dann der kulturelle Widerstand. Dieses Misstrauen kann ich dieser

00:05:43: bunten Grafik wirklich trauen. Ist das nicht nur Spielerei? Wo sind meine harten Zahlen? Und ganz

00:05:50: profan? Oft ist auch die Datenqualität in den alten Systemen einfach, naja, nicht gut genug für

00:05:56: schicke Analysen. Fragmentierte IT-Landschaften. Puh, das ist ja ein ganzes Bündel an Herausforderungen.

00:06:03: Was heißt das jetzt für die Zukunft? Ist die Tabelle bald Geschichte? Abgelöst von

00:06:08: bunten Dashboards? Ich glaube nicht, dass sie ganz verschwindet. Wahrscheinlich liegt die Zukunft eher

00:06:14: in so einem, ja, Hybriden-Ansatz. Ein Nebeneinander. Wie meinst du das? Man behält dieses Vidoose,

00:06:20: GoBD-konforme, tabellarische System der Aufzeichnung. Das ist die unanfechtbare Wahrheit für alles,

00:06:27: was rechtlich relevant ist. Die Basis. Okay, die sichere Bank. Genau. Aber parallel dazu baut man

00:06:34: ein exploratives System der Erkenntnis auf. Mit BI, mit Visualisierung, um eben agil zu sein,

00:06:42: vorausschauend. Der Schlüssel ist aber, du brauchst eine starke Data Governance. Klare Regeln,

00:06:48: wer was darf. Unkompetenz. Und vor allem umfassende Datenkompetenz im ganzen Unternehmen. Sonst kriegst

00:06:56: du die Brücke zwischen diesen beiden Welten nicht geschlagen. Verstehe, es geht also darum,

00:07:01: diese traditionelle deutsche Stärke, Präzision, Nachvollziehbarkeit nicht wegzuwerfen, sondern

00:07:07: sie als Fundament zu nehmen. Und darauf dann die neuen agilen Analyse-Methoden aufzusetzen.

00:07:13: Gründlichkeit plus Agilität sozusagen. Ganz genau. Wenn man versteht, warum die Tabelle so tief

00:07:19: sitzt, dann kann man diese Brücke viel besser bauen. Ohne diese Grabenkämpfe, alt gegen neu. Ja,

00:07:25: das macht Sinn. Und hier vielleicht noch ein letzter Gedanke, den du mal mitnehmen kannst. Könnte

00:07:31: denn genau diese deutsche, ja, fast schon obsessive Liebe zum nachprüfbaren Detail zur Datenqualität

00:07:38: am Ende ein echter Vorteil sein? Wie meinst du? Na ja, denk mal an KI-gestützte Analythik. Überall

00:07:46: die Sorge vor der Blackbox. Könnte Deutschland hier eine Vorreiterrolle spielen, indem wir sagen,

00:07:51: bei uns gibt's vertrauenswürdige KI, weil wir eben auf diese Nachvollziehbarkeit pochen. Ein globaler

00:07:57: Standard für trustworthy AI, homemade in Germany. Vielleicht ist diese Tabellendiebe ja der Keim

00:08:03: für was ganz Neues. Denkt mal drüber nach.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.